Die Tage der 360° Panoramen

DAV Führungstour
„Wilde Bergwelt – julische Alpen, Karawanken, Nockberge. Einige herausragende Gipfel im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien“

 

Voraussetzungen: Bergwandern T **** Klettersteig T ** Klettern T * und K ***
Sicheres Gehen in weglosem Gelände, routiniertes, ungesichertes Klettern im Grad I-II (UIAA), Sicherung und Seiltechnik, Schwindelfreiheit, Trittsicherheit, eigene Erfahrung im Gehen leichter Klettersteige (A-B), Kondition für bis 8 Stunden Gehzeit und maximal 1500 Hm
Leitung: Jochen Benz/Claudio Ronaldo

Wilde Bergwelt – lautete die Leitidee von Jochen und Claudio für diese Führungstour. Das große Panorama wurde als Höhepunkt bereits in der Tourenbeschreibung erwähnt. Gemeinsam sollten wir einige herausragende Gipfel im Dreiländereck Österreich-Italien-Slowenien bezwingen. Nun kennen viele von uns das Problem, sich für eine DAV Tour mit den davor erwähnten Voraussetzungen zu entscheiden. Im Nachhinein kann man nur feststellen, technisch und inhaltlich stand in diesem konkreten Fall alles Wichtige sehr zutreffend bereits in der Tourenbeschreibung (Lob an die Verfasser). Um euch die Entscheidung in der nächsten Saison zu erleichtern und unsere einzigartige gemeinsame Zeit mit euch zu teilen, wird die bereits perfekte Tourenbeschreibung hiermit durch wenige relevante Fakten und ein paar unvergessliche Momente ergänzt.
Eigentlich wünschte sich am Ende jeder von uns, diese Orte würden für immer nur für die bereits Auserwählten sichtbar bleiben. Aber wie es in jedem guten Bergsteigermagazin ist, handelt es sich in diesem Fall um einen individuellen Geheimtipp. Also nehmen wir euch auf unsere Reise der besonderen Art mit.

Tag 1: Anreise, Gustlhütte – Vorderer Wöllaner Nock (19 km, 1269 hm, Max. 2080 M.ü.d.M.)

Heute wurde von Claudio zum ersten Mal das Wichtigste laut ausgesprochen: am Ende des Tages zählt immer das 360 Grad Panorama auf dem Gipfel. Wie die regelmäßig unternommene Umfrage der Teilnehmer statistisch belegte, war die Nebelbesteigung des höchsten aller Nocks ein bahnbrechender Erfolg – italienische 30 km nach 6 Stunden Anfahrt aus Erlangen. Schon direkt am ersten Tag waren wir stolz auf uns und standen dadurch sofort im Mittelpunkt, nämlich dem geographischen Mittelpunkt Kärntens. Das konnten wir sogar direkt vor Ort bildlich dokumentieren und online verfügbar machen. Kaum hatte man diese Eindrücke verarbeitet, folgte die größte Überraschung des Tages (bzw. eigentlich des Aufenthalts): die rustikale hübsche Selbstversorgerhütte von Anja und Claudio. Und auch für das echte Leben haben wir Einiges gelernt! Wie wird man allesfressende Mäusescharen los? Wie schützt man den hart erarbeiteten Gemüsegarten vor einer wütenden Kuhherde? Wie integriert man sich unter den Nachbarn, deren Sprache man nur mit entsprechendem Wörterbuch versteht? Was für ein Glück, dass das Suchen von Wasserquellen so einfach funktioniert: einen gebogenen Draht findet man wohl schnell in jedem ordentlichen Haushalt. Zusammengefasst waren die begleitenden kulturellen und geographischen Erläuterungen von dem bereits in Arriach eingebürgertem Claudio eine Erfahrung, die man nicht missen wollte. Und zum Abschluss des Tages noch ein paar Worte zu den Übungsleitern: in Zahl zwei – Jochen und Claudio, nach den modernsten Outdoor-Trends gekleidet, top farblich abgestimmt und unglaublich kompetent, um uns mit Kenntnissen auszurüsten und sicher dahinzuführen, wo sie dachten, es könnte ein unvergessliches 360 Grad Panorama geben.

Tag 2: Untergreuth Parkplatz-Bertahütte-Nordost Grat Mittagskogel (12,4 km, 1190 hm, Max. 2128 M.ü.d.M.)

Von Jochen und Claudio perfekt durchdacht folgte jeden Tag eine Steigerung der erforderlichen Leistung. Für unsere erste Gratbesteigung passte das Wetter perfekt. Nach einem Zwischenstopp an der Berta Hütte mit Sicht auf nepalesische Gebetsflaggen und den von uns angestrebten Nordostgrat, kam das wahre Bergsteigergefühl auf: klingende Karabiner und Seile tragende Jungs (Danke noch mal!) bis zu dem Zeitpunkt, da uns ein Einheimischer fragte, was wir mit den Seilen vorhätten. Na ja, natürlich Trockenübung im leichten Gelände, was sonst? Nach dem steilen Einstieg in den Grat wurde uns der Ernst der Unternehmung jedoch klar. Erfahrung beim Klettern in exponiertem Gelände im ersten Grad ist sicherlich kein Nachteil. Die Schlüsselstelle konnten wir jedoch alle ohne Seil bewältigen – zum Teil unter der präzisen Bedienungsanleitung von Jochen und Claudio. Auch die Steinschlaggefahr war nicht zu unterschätzen, weshalb letztendlich auf die spaßige Seilübung verzichtet wurde. Insgesamt ein schöner Grat mit leichter Kletterei und für die Zeit des Aufstiegs reserviert nur für uns. Als Belohnung zwei Gipfelkreuze: das slowenische einen Höhenmeter tiefer als das österreichische. Der Abstieg führte auf dem Normalweg zurück zur Berta Hütte. Die servierten zwei Portionen Gemüsesuppe konnten die ganze Mannschaft ernähren und für manch eine(n) wurde noch eine der wesentlichen Erkenntnisse des Lebens enthüllt: die Blindschleiche, zwar lang und ohne Beine, ist jedoch trotzdem keine Schlange sondern eine Echse. Claudio und Jochen meldeten in der Zwischenzeit beim Hüttenwirt bereits ihre Winterbegehung des Grats an. Seine Antwort lautete sehr präzise: es sei keine Frage des Wollens sondern des Könnens. Um unser Können für die bevorstehenden Tage zu erweitern, wurde von Jochen nach der Rückkehr prompt ein echter Klettersteig direkt im Hinterhof der Hütte aufgebaut und verschiedene denkbare Komplikationen bildlich durchgesprochen. Als krönender Abschluss des Tages: mit vereinten Kräften gekochte Käsespätzle und ein gemütlicher Abend voller Bergsteigergeschichten.

Tag 3: Aufstieg auf Triglavski Dom über Prager Weg (11,9 km, 1695 hm, Max. 2516 M.ü.d.M.)

Auf dem Weg zu den Mohikanern der Alpen mussten wir erstmals nach zwei Tagen die Gustlhütte verlassen. Wie schön wäre es da, wenn diesmal das Wetter mitspielen würde. Dieser Gefallen wurde denjenigen Teilnehmern erfüllt, die die Meinung vertraten, es sei sowieso besser dank dem konsequent anwesenden Nebel, die noch bevorstehenden Höhenmeter gar nicht erst abschätzen zu können (es leben die Höhenmesser und GPS Geräte, die Angaben auf gewünschte Komastellen machen können). Jochen hatte wegen der späten Anreise zum Ausgangspunkt für unseren Aufstieg den von ihm bereits begangenen Prager Weg (prag – Stufe auf Slowenisch), eine Art Normalweg mit wenigen drahtseilversicherten, einfachen Kletterstellen gewählt. Gegen Abend erreichten wir das majestätische Triglav Haus mit besagten 300 Schlafplätzen. Wie 300 Menschen und 300 Rucksäcke in diese Hütte hinein passen, wurde uns schnell klar: „First money, then key“ – wird Claudio über das obligatorische Procedere bei Einchecken aufgeklärt. Um die Toiletten aufzusuchen, waren an diesem Abend keine Schilder notwendig – manchmal reicht zum Überleben doch noch der rudimentär erhaltene menschliche Geruchssinn. Trockenraum oder Schuhregale? Demokratie auf Slowenisch sieht anders aus: eigene Bergschuhe dürfte man sogar mit ins Bett nehmen, wenn man es wünscht. Schließlich haben die ja während des Tages auch Ordentliches geleistet. Ökologie wird hoch gepriesen: um Energie zu sparen, muss man lediglich die räumlichen Proportionen des Speisesaals der zu erwartenden Menschenmenge anpassen… und natürlich vor allem die Proportionen des Zimmers. Gefühlt schliefen wir in dieser Nacht alle zu siebt in einem Bett. Erstaunlich, aber auch bei weit offenem Fenster und Minusgraden, kann es im Zimmer kuschelig warm und alle Sachen trocken werden. Erwähnenswert waren kostenloses W-LAN und die Kapelle, wobei Claudio auch hier erneut dazulernen musste: ein Frühstückbuffet gab es leider nicht, es handele sich hier nämlich um eine „BERGHIETTE“. Würde ich diesen Bericht noch ein paar Wochen später schreiben, ich könnte mich wahrscheinlich an die meisten dieser Vorfälle nicht mehr erinnern. Wie es aber ist, in einer dunklen Ecke aneinander gekuschelt am Kachelofen zu sitzen und echten Bergsteigerwahrheiten zuzuhören…, daran werde ich mich wahrscheinlich öfters erinnern, zumindest immer dann, wenn es um mich herum friert und schneit…und es gab Gerstensuppe und Palatschinken und viel, viel „caj“.

Tag 4: Mali Triglav-Triglav-Bamberger Weg-Aljažev dom (17 km, 844 Hm, Max 2850, M.ü.d.M., Min. 1000 M.ü.d.M.)

Wie schon die Nacht mit klarem Mondschein verriet, heute ging der 360 Grad Panorama Traum in Erfüllung. Natürlich erst oberhalb der Nebelgrenze, dort dann aber umso schöner. Beim Aufbruch um halb sieben war es so kalt und windig, dass man sich heimlich fragen wollte, ob das wirklich sein musste. Diesmal waren es nur noch wenige Höhenmeter nach oben, dafür aber ein bisschen mehr Ausgesetztheit und leichte, Drahtseil versicherte Kletterei. Und plötzlich war es ganz still, warm und orange – ja, jetzt war sie tatsächlich da, die Sonne über dem Triglav-Masssiv. Solche Momente kann man nicht oft genug im Leben gesehen haben. Nach ein paar Minuten tiefen „In sich Gehens“ stapfen wir konzentriert weiter. Ganz oben waren wir noch nicht und umso weniger ganz unten. Die von einer dünnen Schicht Eis bedeckten Steine mahnten uns, dass die Ausrutschgefahr nicht nur theoretischen Bereich lag. Als einsam konnte man die Triglav-Besteigung auch zu dieser Uhrzeit nicht bezeichnen Es ist nun mal das Symbol Sloweniens, wo man sich mindestens einmal im Leben die entsprechenden Peitschenschläge, den Schluck Slivovica und den Anblick der berühmten, unten im Tal für 30 Euro erwerbbaren Blechtonne auf dem Gipfel abholen muss. Aber jetzt erneut volle Konzentration. Es geht den Bamberger Weg nach unten, eigentlich typischerweise ein Klettersteig, gut für den Aufstieg geeignet. Eins steht fest, die einfachen Passagen waren gut mit Drahtseilen „markiert.“ Und für die schwierigeren schadete es sowieso nicht, dass man sich nicht mit dem Klettersteigset ablenken musste. Unter der wachsamen Aufsicht von Jochen und Claudio schafften wir es alle – auch die 20 m hohe Wand und die Schlüsselstelle, an der man die Fußtritte nur anhand der akustischen Signalen von den bereits untenstehenden Teilnehmern suchen musste, ließen sich frei ab klettern. Der Anblick der steilen Wände schärfte zusätzlich die Sinne.
Endlich auf der Terrasse der A. Hütte sitzend fühlten wir uns alle „ziemlich krass“. Gekrönt wurde der Abend durch die 3 Minuten anhaltend warme Dusche und das perfekte Abendessen. Spaghetti Bolognese mit Parmesan vegetarisch (war ja immerhin für ca. 50 Prozent der Teilnehmer relevant)? Kein Problem. Dann halt Spaghetti ohne Bolognese mit Parmesan. Dazu Bohnensalat und zum Abschluss Kaiserschmarrn, von dem die meisten Portionen als Dankopfer an den absoluten Kaiserschmarrnkönig verschenkt worden sind (also Jochen, wo das alles in dir verschwindet, ist bis heute aus medizinischer Sicht nicht geklärt. Es ist eben wie mit der Wassersuche, man muss akzeptieren, dass es funktioniert). Zum Abschluss des erfolgreichen Abends folgte noch ein Shot Smrekovec (lokaler Fichtenhonigschnaps).
Es gibt solche Tage im Leben, die könnten einfach nicht besser laufen.

Der letzte Tag: Slowenischer Klettersteig auf den Mangart, Fahrt nach Italien und nach Hause (8,86 km, 994 Hm, Max. 2652,9 M.ü.d.M.)

Wie viele Kurven kann eine Straße bis zum höchsten oder tiefsten Punkt haben? Spätestens heute stellten wir uns diese Frage ganz akut. Kurz vor dem Parkplatz, fast vor dem Fenster der Mangart Hütte, war noch ein wegen Steinschlag gesperrter Straßenabschnitt schnell zu überqueren. Zum Einstieg in den Klettersteig war es nicht weit. Man musste nur an der Abzweigung zur Via Italiana (einem der am stärksten exponierten Klettersteige der Alpen quer durch die Mangart Nordwand) vorbei. Leider war uns der 1 km Tiefblick in den Abgrund dank des ausnahmsweise vorhandenen Nebels nicht vergönnt. Es ging also erneut auf slowenische Art weiter. Dieser Klettersteig war eine sehr passende Wahl zum Abschluss vor der noch am gleichen Tag bevorstehenden Heimreise. Die Steinschlaggefahr war jedoch nicht zu unterschätzen, weshalb der Schuldige für jeden rollenden Stein einen Espresso für die anderen spendieren musste. Das Spiel hatte Erfolg: die Gehirnerschütterung blieb aus und jeder zahlte seinen Espresso selbst. Die Mühe wurde belohnt: Hochalm und Großglockner erscheinen über den Wolken am Horizont. Letztes gemeinsames Gipfelphoto mit 360 Grad Nebelpanorama und ein DAV Erlangen Steinmännchen, bevor sich der Abstieg auf dem Normalweg orientierungstechnisch anfänglich ein wenig schwierig, später jedoch problemlos gestaltet. Der Abschiedsespresso wurde am Lago Predil italienischen Bergsee im Tal im bereits für die Öffentlichkeit geschlossenen Stammlokal von Claudio und Anja getrunken. Noch die dramatische Ansprache zum Abschluss und dann war es so weit: Weiter müssen wir es ohne Anja, Jochen und Claudio schaffen. Es endet halt nicht jedes Märchen mit: Sie lebten glücklich zusammen und wenn sie nicht gestorben sind… Aber zum Glück gibt es uns alle noch und auch den DAV Erlangen, so dass unsere Geschichte dort weitergeschrieben werden kann, wo die Berge noch zu individuellen Geheimtipps gehören.

Autorinnen: Petra Barillova  und Lisa Merkl

 
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