„Sie ist wie so viele andere Hütten des DAV ein Geschenk an unsere Heimat und ein Stück Reichtum der Berge“
Dr. Reinhold Stecher (1921-2013, Bischof der Diözese Innsbruck 1981 bis 1997)

Die Erlanger Hütte am Wettersee im Vorderen Ötztal, auch noch mit 90 Jahren ein Geheimtipp für Liebhaber einsamer Bergwelt und bodenstän­diger Küche, ist immer einen Besuch wert. Sie hat in all den Jahren den Wandel des Bergsteigens von einer einst privilegierten Minderheit vorbehaltenen Sportart, der Begriff Freizeitaktivität war noch unbekannt, zum heutigen Massentourismus erlebt. Glücklicherweise hielt er sich aber dort oben, trotz der bezaubernden Hüttenlage am Ufer eines kleinen Bergsees immer in Grenzen. Und die Hütte verbindet die Bürgerinnen und Bürgern von Umhausen, dem Talort der Hütte mit denen aus der fernen Stadt Erlangen.

Vom Beschluss des Bauvorhabens 1890 bis zur Einweihung 1931

Schon 1897 – nur wenige Jahre nach ihrer Gründung im Jahre 1890 – beschloss die Sektion Erlangen auch als alpenferne Sektion einen aktiven Beitrag zur Erschließung der Ostalpen zu leisten. Es folgte der Bau eines „Erlanger Weges“ in der Rieserfernergruppe in den Sommermonaten der Jahre 1902/1903. Er wurde jedoch infolge häu­figer Unwetterschäden wenige Jahre später wieder aufgegeben. Aber die Sektion wollte sich mit einem neuen Arbeitsgebiet weiterhin an der Erschließung der Ostalpen beteiligen. Was dies für eine Sektion bedeutet, legt die Arbeitsgebietsordnung des DAV fest.  “Das Arbeitsgebiet einer Sektion des Alpenvereins ist ihre alpine Heimat. Sie betreut es im Geiste des Grundsatzprogramms des Alpenvereins und zur Wahrung der Interessen der Bergsteiger.“ Mit der Zuteilung ihres heutiges Arbeitsgebiet im Vorderen Ötztal im Jahr 1928 wurde der Weg frei zum Bau der Erlanger Hütte.

„Die Hütte soll dem Müden und Schwachen Schutz bieten, sie soll uns die Bergwelt in ihrer ganzen Größe und Schönheit nahe bringen….. Sie diene der Erschließung unserer Berge, die dazu geeignet sind, jedem Besucher nicht nur augenblickliche Freude und Erholung zu bieten, sondern ihm etwas zu geben für das ganze Leben“ so der damalige Vorstand der Sektion, Prof. von Kryger, anlässlich der Grundsteinlegung am 8. August 1929. Noch im gleichen Jahr wurden die Kellerräume der Hütte aus einem markanten Felsriegel über dem Ötztal heraus gesprengt.

Trotz der nur in den Sommermonaten zugänglichen Baustelle und der extrem schwierigen Logistik – bis auf die Steine für das Mauerwerk musste jegliches Material mit Trägern und Pferden vom Tal zur Hütte transportiert werden – konnte bereits im Sommer 1930 das Richtfest gefeiert und dann am 23. August 1931 die Hütte eingeweiht werden. Ihr wünschte Prof. von Kryger in seiner Festansprache:  „Dass das höchst gelegene Haus Erlangens in aller Zukunft  den Bergsteigern eine gastliche Unterkunft sein wird“. Herr Rifesser, Bezirkshauptmann von Imst, hebt die Bedeutung der Hütte für seine Heimat hervor: „Die Erlanger Hütte werde von werbender Anziehungskraft für das Land Tirol und das Ötztal sein. …. Auch wird für die arme Bevölkerung des vorderen Ötztals eine Reihe von lohnenden Verdienstmöglichkeiten geschaffen“. Der Bau der Hütte war ein gewaltiger Kraftakt für die Sektion mit ihren damals knapp 400 Mitgliedern, zu denen auch neun Umhausener Bergsteiger gehörten. Auch die Stadt Erlangen unterstützte das Projekt finanziell, „weil Hütte für Stadt und ihre Bewohner von Bedeutung“, wie der Stadtrat im Juli 1931 betont.

Ende 1940 erschien im Verlag Junge&Sohn, Universitäts-Buchdruckerei Erlangen, ein „Führer durch die Wildgratgruppe der Ötztaler Alpen“.  Autor des Führers war Dr. Hermann von Pfaundler, einer der besten Kenner des Gebiets. Der Führer ist eine Rarität auf dem alpinen Büchermarkt und wurde leider bis heute nicht mehr aktualisiert.

Materialtransport und Energieversorgung

Von der Bausubstanz her seit den Gründerjahren nahezu unverändert empfängt die Hütte ihre Besucher hoch oben in 2550 m Höhe am Wettersee. Aufgrund der exponierten Lage ist die Hütte gerade einmal etwa drei Monate im Jahr geöffnet und stellt – entsprechend ihrer alpinen Bedeutung und Erreichbarkeit gemäß der aktuellen dreistufigen Klassifizierung des DAV – eine echte Schutzhütte der Kategorie 1 dar. Die Ausstattung der Hütte wurde in all den Jahren sorgsam modernisiert und an die sich ändernden Anforderungen angepasst. Ausschlaggebend für den heutigen Hüttencharakter war die bereits 1969 erfolgte „Elektrifizierung“ der Hütte, versorgt von der im nahen Wettersee als  Wasser gespeicherten und über ein kleines Wasserkraftwerk nutzbar gemachten Energie der Sonne. Eine UV-Entkeimungsanlage sorgt für die  Einhaltung der Qualität des vom Wettersee kommenden Trinkwassers. Abwässer werden in einer Kläranlage auf biologischer Basis gereinigt, feste organische Abfallstoffe über einen Stufenkomposter nachbehandelt. Obligatorisch ist eine konsequente Mülltrennung und Müllreduzierung.

Leider wurde die Zufahrt zu den beiden Leierstalalmen und zur Materialseilbahn 2010 durch einen Felssturz unpassierbar. Die geomorphologischen Gegebenheiten lassen keine Neutrassierung zu.

Für den Viehtrieb zu den Almen im Leierstal wurde an der Unterbrechungsstelle eine „Rinderseilbahn“ eingerichtet. Die Versorgung der Hütte erfolgt ausschließlich über Hubschrauber. Für Fußgänger gibt es im Bereich des Felssturzes eine weiträumige Umgehung. Hüttenbesucher können weiter die noch vorhandenen Materialseilbahn vom Leierstal zur Hütte nutzen. Nach einem Telefonanruf von der Talstation schweben Rucksäcke die rund 750 Höhenmeter hinauf zur Hütte, während der Gast „unbelastet“ die Schönheiten des weiteren Aufstiegs genießen kann.

Frische und regionale Küche: So schmecken die Berge

Endlich auf der Hütte angekommen darf er sich der Gastfreundschaft von Anita und Christian, Hüttenpächter seit 2008, erfreuen. Wie alle ihre Vorgängerinnen und Vorgänger sind sie bestrebt, den Besuchern den Aufenthalt zu einem besonderen Erlebnis zu machen und sie mit Köstlichkeiten aus der Küche zu verwöhnen. Eine lange Tradition getragen von der Liebe zur Heimat, auf einer Speisekarte der Hütte aus den 90er Jahren in Worte gefasst:

Liebe Bergsteiger! Unsere Speisen sind hausgemacht. Wir verwenden keine Fertigprodukte und kochen mit Erzeugnissen von Ötztaler Bauern. Solidarität zu heimischen Produkten heißt: Erhalt unserer schönen Landschaft und Heimat. Hilfe für unsere Bauern durch Abnahme deren Produkte. Besserer Geschmack durch gute Fütterung und Verarbeitung. Weniger Müll – weniger Transport, wir geben unseren Bauern eine Chance zum Weitermachen, nicht zum Aufhören.“

Als Gäste sehen wir meist nur eine bestens geführte urwüchsige Berghütte. Was aber sieht der Gast von der Arbeit, die täglich geleistet und aktuell durch „Coronaauflagen“ zusätzlich erschwert wird, wenn er sich nach einer anstrengenden Bergtour in einer traumhaften Landschaft vor der Hütte mit Kaffee und frisch gebackenem Kuchen verwöhnen lässt? Doch ganz verborgen bleibt die Arbeit nicht. Im Laufe der Jahre wurde die Hütte mehrfach ausgezeichnet, mit ihr vor allem aber der Einsatz der Pächter, der Sektion und des Hüttenwarts.

Und selbstverständlich unterstützen Anita und Christian mit ihrem Steinbockragout oder Lammbraten das Projekt „So schmecken die Berge“ des Deutschen Alpenvereins zur Direktvermarktung landwirtschaftlicher Produkte.

Umweltfreundlich und nachhaltig betrieben

Bereits 1996 bekam die Erlanger Hütte vom Land Tirol das Tiroler Umweltsiegel „Wirtschaften mit der Natur“. Mit diesem Siegel werden vor allem Gastronomiebetriebe und Vermieter von Unterkünften ausgezeichnet, die ein hohes Engagement im Umweltbereich zeigen.

Seit Beginn des Bergsommers 2000 kann sich die Erlanger Hütte mit dem Umwelt-Gütesiegel der Alpenvereine (DAV, OeAV und AVS) schmücken. Diese Auszeichnung würdigt unter anderem den engagierten Einsatz im Bereich des praktischen Umweltschutzes auf Alpenvereinshütten.

Weiterhin ist die Hütte unter dem Slogan „Erlanger Hütte – Charakter bewahrt, Energie gespart“; eines der Best-Practice-Beispiele des im Jahr 2014 vom DAV initiierten 3-jährigen Klimaschutzprojekts „Umweltfreundlicher Bergsport“ zur Sensibilisierung seiner Mitglieder für nachhaltigen Umgang mit Umwelt und Ressourcen.

Heute dürfen und können wir darauf stolz sein, das Erbe der Gründerväter bewahrt und immer wieder an die Erfordernisse unserer Tage angepasst zu haben. Dafür gilt allen Hüttenpächtern und Hüttenwarten, allen Unterstützern und Helfern herzlicher Dank. Und auch die heutige Generation wird alles daran setzen: „dass das höchst gelegene Haus Erlangens in aller Zukunft  den Bergsteigern eine gastliche Unterkunft sein wird“.

Autor: G. Bram