Viel Sulz, jede Menge Praxis und Lust auf mehr
Bis zu den Knien versinkt der linke Fuß im Sulzschnee. Also wieder herausziehen, einen Schritt weiter und mit dem rechten Fuß direkt das gleiche Spiel. Irgendwo da vorne soll der Gipfel der Sexegärtenspitze liegen. Dass wir uns in den nächsten Tagen noch häufiger durch genau diesen Schnee kämpfen würden, war uns zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht bewusst.
Vom 17. bis 21. Juni fand am Taschachhaus unser Hochtourengrundkurs statt. Gemeinsam mit den zwei DAV-Kursleitern David und Lukas sowie neun motivierten Teilnehmer*innen wollten wir die Grundlagen des Bergsteigens im vergletscherten Gelände lernen – und zwar möglichst nicht nur in der Theorie.
Materialcheck und Spaltenbergung

Spaltenbergung im Trockenen. Foto: Luca Kohl
Nach dem Aufstieg zum Taschachhaus stand zunächst der Materialcheck auf dem Programm. Anschließend übten wir die Spaltenbergung erst einmal trocken. Da viele von uns zuvor bereits den DAV-Spaltenbergungskurs besucht hatten, funktionierten die grundlegenden Abläufe schon erstaunlich gut. Trotzdem wurde schnell klar: Im Schnee sieht die Sache vermutlich noch einmal ganz anders aus.
Dass wir die nächsten Tage bestens versorgt sein würden, merkten wir ebenfalls schon am ersten Abend. Das Taschachhaus überzeugte nicht nur mit seiner Lage, sondern auch mit hervorragendem Essen und einem ausgesprochen herzlichen Hüttenwirt samt Hüttenteam.
Erst einmal direkt auf Hochtour
Da der Wetterbericht für den zweiten Tag stabiles Wetter versprach, entschieden sich unsere Kursleiter kurzerhand dazu, die erste Hochtour vorzuziehen. Ziel war die Sexegärtenspitze.
Nach dem langen Zustieg zum Sexegärtenferner wurden zum ersten Mal Steigeisen angelegt und wir seilten uns als Gletscherseilschaften an. Kurz darauf begann der Kampf gegen den Sulzschnee. Gefühlt bei jedem zweite Schritt verschwand das Bein bis zum Knie im Schnee und der Gipfel rückte nur langsam näher. Den letzten Hang übernahm schließlich einer der Kursleiter und spurte uns den Weg bis zum Gipfel.
Auch der Abstieg war nicht ohne
Mindestens genauso interessant wurde anschließend der Abstieg. An einem steilen Windkolk bot sich die perfekte Gelegenheit, die Spaltenbergung endlich unter realistischen Bedingungen zu üben. Jeder durfte einmal in jede Rolle schlüpfen – vom Gestürzten in der Spalte bis zur Rettungsmannschaft. Erst hier merkte man, wie wichtig eingespielte Abläufe und gute Kommunikation innerhalb einer Seilschaft tatsächlich sind.
Danach folgte vermutlich der spaßigste Teil des Tages. Beim Firngleiten ging es überraschend elegant zurück Richtung Tal. Gelenkschonender als normales Absteigen war es allemal – solange man nicht plötzlich bis zum Knie im Schnee stecken blieb.
Wie viel halten Steigeisen eigentlich aus?

Beim Hochtourengrundkurs mussten die Teilnehmenden einiges ausprobieren.
Am nächsten Morgen stand keine Gipfeltour auf dem Programm, sondern Steigeisentechnik auf dem Taschachferner.
Zunächst führten wir einen „blinden“ Partner über das Eis, machten bewusst große Schritte oder sprangen sogar mit Steigeisen über kleine Geländeformen. Ziel war es, Vertrauen in die Ausrüstung zu gewinnen. Anschließend ging es um unterschiedliche Auf- und Abstiegstechniken im steilen Firn sowie um den Bau einer Sanduhr mit einer Eisschraube.
Das eigentliche Highlight hatten sich unsere Kursleiter allerdings bis zum Schluss aufgehoben.
Parcours über Firnfelder, Steileis und Spalten
Ein abwechslungsreicher Parcours führte über steile Firnfelder, kurze Steileispassagen, Querungen und kleine Spalten. Hier mussten plötzlich alle zuvor geübten Techniken kombiniert werden. Mit jedem Durchgang wurde das Ganze selbstverständlicher und irgendwann fragte man sich, warum einem das Gelände am Morgen überhaupt steil vorgekommen war.
Als sich am Nachmittag ein Gewitter ankündigte, machten wir uns rechtzeitig auf den Rückweg. Den Rest des Tages verbrachten wir in der Kletterhalle des Taschachhauses und übten verschiedene Varianten der Selbstrettung.
Am Abend durften wir dann zeigen, was wir bisher gelernt hatten. Unsere Aufgabe bestand darin, die Tour zur Eiskastenspitze selbst zu planen – inklusive Route, Zeitplanung, Umkehrzeiten und Einschätzung der Bedingungen.
Tourenplanung: Es funktioniert!
Am nächsten Morgen sollte sich zeigen, ob unsere Planung aufgegangen war.
Wir folgten dem Fuldaer Höhenweg bis wir über eine Moräne Richtung ehemaligem Eiskastenferner aufstiegen. Nach einer kurzen Blockkraxelei wartete bereits der inzwischen vertraute Sulzschnee. Also wieder Schritt für Schritt nach oben arbeiten.
Oben angekommen begann schließlich der schönste Teil der Tour: Über plattigen Fels führte eine abwechslungsreiche Kletterei im I. und II. Schwierigkeitsgrad (UIAA) Richtung Grat. Dabei konnten wir erstmals das Sichern am gleitenden Seil sowie Köpflschlingen direkt in der Praxis anwenden.
Als wir schließlich den vermeintlichen Gipfel erreichten, stellte sich allerdings heraus, dass wir auf einem Vorgipfel am SSW-Grat standen.

Kletterei: Hochtourenkurs rund ums Taschachhaus – ein tolles Erlebnis mit praxisnaher Ausbildung. Foto: Luca Kohl
Kurz waren wir natürlich enttäuscht. Im Nachhinein stellte sich die gewählte Variante allerdings als echter Glücksgriff heraus. Die Kletterei war deutlich abwechslungsreicher als der Normalweg und machte vermutlich sogar mehr Spaß als der eigentlich geplante Aufstieg.
Fast noch erfreulicher war, dass unsere Zeitplanung erstaunlich gut funktionierte. Offenbar hatten wir bei der Tourenplanung doch ganz gut aufgepasst.
Zum Abschluss auf die Wildspitze
Zum Abschluss boten die Bedingungen die Möglichkeit für eine gemeinsame Hochtour auf die Wildspitze. Um halb vier klingelte der Wecker und kurz nach vier Uhr ging es bereits im Schein der Stirnlampen los.
Mittlerweile liefen viele Dinge fast schon automatisch ab. Steigeisen anlegen, Seil einbinden, Spalten beurteilen und sich als Viererseilschaft über den Gletscher bewegen – all das war noch wenige Tage zuvor völlig neu gewesen.
Der Sulzschnee machte uns zunächst noch einmal ordentlich zu schaffen, bevor die Verhältnisse mit zunehmender Höhe deutlich besser wurden. Kurz unterhalb des Gipfels wurde ausgefädelt und nach dem letzten felsigen Aufschwung standen wir schließlich auf dem höchsten Gipfel Tirols. Das obligatorische Gipfelfoto durfte natürlich nicht fehlen.
Wärme verändert die Verhältnisse
Spannender als der Aufstieg wurde der Rückweg: Obwohl es erst Mittag war, hatten sich die Verhältnisse bereits deutlich verändert. Einige Schneebrücken waren inzwischen verschwunden, sodass wir Spalten umgehen oder mit entsprechend großen Schritten überwinden mussten. Auch der Schmelzwasserbach hatte bereits erstaunliche Ausmaße angenommen und erforderte an einer Stelle sogar einen beherzten Sprung. Eindrücklicher hätte man kaum erleben können, warum Hochtouren möglichst früh gestartet werden.
Zurück auf dem Taschachhaus wartete zur Belohnung noch ein Stück Kuchen, bevor schließlich auch der Abstieg ins Tal anstand.
Fünf Tage, die Lust auf mehr machen
Rückblickend war der Hochtourengrundkurs vor allem eines: unglaublich praxisnah. Fast jede Übung wurde kurze Zeit später direkt auf Tour angewendet. Dadurch entwickelte sich innerhalb weniger Tage aus anfänglicher Unsicherheit ein deutlich sichererer Umgang mit Steigeisen, Pickel und Seil.
Neben den vielen Ausbildungsinhalten bleiben aber vor allem die gemeinsame Zeit in der Gruppe, die tolle Atmosphäre auf dem Taschachhaus und unzählige Momente im Schnee in Erinnerung – egal ob beim Spuren, bei der Spaltenbergung oder beim Firngleiten.
Eines steht jedenfalls fest: Der Hochtourengrundkurs hat definitiv Lust auf mehr gemacht. Der Aufbaukurs im nächsten Jahr steht bereits auf der Wunschliste.
Text: Luca Kohl
Fotos: David Münch, Luca Kohl
















