2020 – Das Corona-Jahr. Noch wissen wir nicht, ob es auch das einzige bleiben wird. Jeden von uns hat es betroffen auf die ein oder andere Art, manche schwer, andere noch schwerer. Dass die Paddelsaison weitgehend davon betroffen war, gehört zu den nun wirklich gelinden Schäden, und dennoch, wenn so viele Dinge wegfallen, die uns Ausgleich, Kraft, neue Lebensfreude und Energie geben, eins nach dem anderen, ist es umso schwieriger, die anstehenden Belastungen zu überstehen.

Ende Mai/Anfang Juni ging es wieder aufwärts, die Infektionszahlen gingen langsam zurück, die Grenzen wurden nach und nach wieder passierbar. Deutschland war noch ziemlich gut davongekommen, Italien, Frankreich und Spanien hatte es hart getroffen.

Im Juli mussten wir endlich hinaus, wieder richtiges Wildwasser unters Boot kriegen.

Seit Jahren schon stand die Noguera Pallaresa auf der spanischen Seite der Pyrenäen weit oben auf meiner Bucket List, und da sie – ebenso wie die Aude – aufgrund von regulierter Wasserabgabe eines Kraftwerks im Oberlauf ganzjährig fahrbar ist stand einer Tour um diese Jahreszeit nichts im Wege

Was für ein gutes Gefühl, endlich wieder im Auto zu sitzen, Kajak, Paddelsachen, Campingausrüstung hintendrin, Essenskiste und Eski gefüllt, auf der Autobahn Richtung Südfrankreich. Die Anfahrt in die Pyrenäen ist bekanntermaßen lang, mit 1½ Tagen muss man rechnen, auch die Autobahngebühren schlagen nicht zu knapp zu Buche, aber es lohnt sich. Französisches Savoir Vivre und spanisches Lebensgefühl erwarten uns, angenehme wohltuende Hitze, wunderbares Essen, einfach, aber umwerfend, einfach umwerfend, dazu Rosado und Rosé, kulturelle Highlights vom Feinsten (wenn dafür noch Zeit bleibt), vor allem aber Wildwasser in tiefen, imposanten Schluchten, ein landschaftlicher Hochgenuss, von entspannt bis prickelnd-spritzig, technisch bis wuchtig, weder das Eine noch das Andere extrem, die schwierigeren Abschnitte WW3 bis maximal WW4.

Nachdem ich mich mit Günter am 12. Juli in Carcassonne getroffen hatten und durch die Cité, die Festung, geschlendert waren (sehr kurz: trotz Pandemie zuviele Menschen, in Cafes und Restaurants kaum Abstand), starteten wir die Tour an der Aude, zum Einpaddeln das Stück unterhalb Quillan, anschließend die Strecke durch die Gorges de Saint-Georges, zwischen Stauwerk an der D118 und Saint-Martin-Lys. Nach einem knappen Kilometer schon beginnt die wunderbare Schlucht, links und rechts ragen die weißen Kalkfelsen bis zu 150 m in die Höhe. Wildwassertechnisch bieten die recht kurze Schlucht sowie die folgende Strecke bis Saint Martin keine besonderen Schwierigkeiten. Die folgende Schlucht Pierre-Lys (2 km lang) scouteten wir in voller Länge zunächst zu Fuß, beschlossen dann aufgrund des sehr niedrigen Wasserstandes und der dadurch extrem hakelig gewordenen Strecke mit einer Folge enger, kratzigen und steckgefährlicher Durchfahrten auf eine Befahrung zu verzichten.

Stattdessen nahmen wir uns die Zeit, uns die nahegelegene Katharerburg Puilaurens anzusehen (weitere sehenswerte Burgen in der Nähe sind u. a. Quéribus, Peyrepertuse und natürlich Montségur).

Die knapp 200 km Fahrt auf die spanische Seite bis nach Sort an die Noguera Pallaresa nimmt auf den teilweise kleinen, engen und kurvigen Straßen dann doch einen guten halben Tag in Anspruch. Ein deutlicher Unterschied fällt auf: während auf der französischen Seite nur manche Menschen in Geschäften Mund-Nasen-Schutz tragen, achten auf der spanischen Seite alle penibel darauf, Maske zu tragen, auch auf der Straße, sogar wenn sie alleine sind. Und wehe, man hält an der Supermarktkasse nicht genügend Abstand zum Vordermann, schon kommt ein deutlicher Hinweis von der Kassiererin. Letztlich bleibt das Gefühl, dass die Menschen hier rücksichtsvoller umgehen, obwohl beide Länder in den vergangenen Monaten dieselben schlimmen Erfahrungen machen mussten.

Sort an der Noguera Pallaresa, Paddelsportzentrum in den katalanischen Pyrenäen, Heimat der Serrasolses-Brüder Aniol und Gerd, beide Spitzenkajaker, und jeder der jungen Paddler vor Ort, mit dem wir sprechen, weist uns stolz auf die Karriere der beiden hin, die hier begann.

Abends auf dem Campingplatz am Fluss erscheint die Noguera zunächst als ruhiges flaches Flüsschen. Ab 9:00 morgens aber lässt das Wasserkraftwerk im Oberlauf für einige Zeit ordentlich Wasser ab, dass sich dann den Tag über den Fluss hinunterarbeitet. Man muss sich schon bei den Locals informieren, wann das Wasser am jeweiligen Einstieg vorbeikommt; je weiter flussauf der Einstieg, desto früher muss man dort sein. Wir starten zunächst mit der einfachsten, landschaftlich zugleich schönsten Strecke der Noguera, dem Congost de Collegats (Congost = Canyon), ein weiterer, tief eingeschnittener Canyon. Landschaftsgenuss vom Feinsten. Für die beiden Abschnitte oberhalb und unterhalb von Sort organisieren wir uns dann einen Guide; eine Erstbefahrung zu zweit auf unbekanntem Wuchtwasser mit Stellen, die mit WW4+ angegeben sind ist absolut unklug: wenn einer schwimmt, müsste sich der Andere ganz allein um Mann und Material kümmern und auf Eigensicherung achten – definitiv keine Option. Mit Guide sind wir zu dritt und haben einen Paddler dabei, der hier seinen Homerun hinunterfährt und an den etwas wilderen Stellen die Löcher und Walzen mit Abstand umfährt. Und es ist eine Gelegenheit, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen, etwas über die Gegend, das Leben vor Ort zu erfahren, eine Gelegenheit die ich nicht missen möchte. Letztlich ist es dann wie immer: super wars, eine Herausforderung, sportlich und spritzig, und hinterher doch weniger wild als zunächst angenommen.

Drei Tage haben wir in Sort verbracht, täglich auch die Infektionslage vor Ort beobachtet, die aktuellen Zahlen verfolgt, weiter unten in der Gegend von Lerida war schon vor unserer Abfahrt ein fokaler Ausbruch unter Landarbeitern gemeldet worden. In den vergangenen Tagen allerdings stiegen plötzlich die Zahlen in Zaragossa, dann auch in Huesca sprunghaft an, Orte, die nicht allzu weit von Esera, Ara und Gallego liegen, unsere nächsten Ziele. Hier konnte kein Herd ausgemacht werden, die Infektionen gingen in die Fläche. Als dann plötzlich innerhalb von zwei Tagen die Höchstzahlen von April überschritten wurden, schien es uns doch zu riskant, unsere geplante Tour fortzusetzen, noch gar nicht einmal aus Sorge vor Ansteckung (24 Stunden an der frischen Luft, fast keinen Kontakt zu anderen), vielmehr mit dem Gedanken, dass wir von lokalen Bewegungsein- schränkungen betroffen werden und die Grenze erneut geschlossen werden könnte.

Eine Rechnung ist also offengeblieben. So ist es eine wunderbare Pilottour geworden, die wir gern wiederholen möchten im Juni 2020, als Tour mit überschaubarer Teilnehmerzahl im Rahmen der diesjährigen Ausfahrten der DAV-Paddelgruppe. Jetzt müssen die Infektionszahlen noch ordentlich runter; wir werden sehen ob das klappen wird.

Wir bleiben zuversichtlich. Und sind bereit.

Bleibt Gesund

Euer

Andreas Torbahn