Herbst 2025: Nach einer Besprechung der kniffligen Wetterlage und einer letzten Abstimmung um 9 Uhr fiel die Entscheidung einer kleinen Chalk-Junkie-Gruppe: Es ging wie geplant zum Alpinklettern nach Göschenen.
Auf der Anreise versuchten Ole und Julian noch, fehlende Pecker für eine geplante Technotour zu besorgen, für diverse Bergsportgeschäfte war dies jedoch ein Fremdwort und so ging es über Umwege und ohne neue Pecker zum Campingplatz Mattli.
Mehrere Seilschaften auf unterschiedlichen Wegen
Am 11. September starteten Julian und Ole die Technotour Muja Hedder (6 SL, A2+) und fixierten die ersten drei Seillängen. Laura, Thomas und Jonas waren am Feldschijen Westgrat (16 SL, 6b) unterwegs. Nina und Chiara kletterten am Bergseeschijen eine Kombination aus Südgrat und Andrea (10 SL, 5b).
Am 12. September beendeten Julian und Ole die Technotour Muja Hedder (ohne Biwak, Übernachtung im Tal). Laura, Thomas und Jonas kletterten Clog und Stock (16 SL, 6b) am Salbit. Weitere Seilschaften waren erneut am Bergseeschijen in verschiedenen Routen unterwegs.
Am 13. September unternahmen Thomas und Ole eine Abenteuertour (siehe Tourenbericht).
Parallel dazu kletterten Vera, Nina, Laura, Julian und Jonas die Route Tatortreiniger (6 SL, 5c+) an der Sandplatte.
Thomas und Ole als Abenteurer oder: „Schau mal, der Riss da drüben sieht doch cool aus…"
Zwei Tage zuvor klettern wir den Westgrat auf den dritten Turm des Vorder Feldschijen und sahen die markante Linie, die sich direkt gegenüber durch die Nordwand des vierten Turms zieht.
Als wir dann am Samstag nach einer Tour suchten, die nicht super lang ist, einen halbwegs moderaten Zustieg hat, aber dennoch mehr Erlebniswert bietet als eine 6-Seillängen-Route mit Sportkletterabsicherung im Tal, waren wir uns schnell einig, dass wir uns den Riss nochmal genauer anschauen wollen. Ohne Topo oder jegliche Informationen – „Abenteuerklettern" oder so. Immerhin konnten wir dort ein paar vereinzelte Haken ausmachen, schien also nicht gänzlich unkletterbar zu sein.
Erstmal waren Pfadfinderqualitäten gefragt
Unser Zustieg beginnt am Parkplatz des Göscheneralpsees, wir halten uns südlich des Sees und biegen bald links auf den Wanderweg Richtung Lochberglücke ab. Diesem folgen wir ca. 45 Minuten, bis wir ihn linkerhand verlassen, um im weitestgehend weglosen Gelände auf den markanten Westgrat des dritten Turms zuzuhalten.

Die Rinne ist zu sehen. Foto: T. Leib
Angekommen am Fuß des Westgrats, lassen wir diesen links liegen und steigen weiter in die Scharte auf – unsere Linie ist längst deutlich zu sehen. Noch etwas weiter und wir stehen am Einstieg unserer Route auf ca. 2700 m, bis hierhin bei gemütlichem Tempo 2 Stunden, 15 Minuten.
Haken ja – Logik nein
Der Riss der ersten Seillänge ist etwa 25 Meter hoch und weitet sich schnell von Hand- auf Körperriss. In einer Höhe von 7 bis 10 Metern tummeln sich auf kurzer Strecke drei Haken, so richtig logisch scheinen sie nicht platziert zu sein. Der Rest muss selbst abgesichert werden, was sich mit unserem Material durchaus anspruchsvoll gestalten könnte. Wir haben zwar Cams bis Größe 6 dabei, die großen jedoch nur einmal. Thomas überlässt Ole gerne den ersten Vorstieg:
Kühl und wolkig
Anfangs als Hand- bzw. Faustriss geklettert, kommt dann eine kurze aber anstrengende Piazstelle bis zum ersten Haken, wo Ole kurz pausiert, um seine Hände zu wärmen: Die Temperatur liegt knapp über dem Gefrierpunkt und der Himmel ist bedeckt.
Anschließend schrubbt er sich durch den Körperriss, bis der Klemmblock auf halber Höhe erreicht ist. Danach verschwindet er komplett im Riss und ich bekomme nichts mehr von ihm mit, bis er irgendwann ruft, dass er die verbleibenden Friends (kleine Größen) braucht. Also an die Reepschnur gehängt, hochgezogen und weiter geht's. Irgendwann höre ich „Stand" und sehe, dass Ole es auf das Band oberhalb des Risses geschafft hat.
Stil oder das Gegenteil? Hauptsache geschafft!
Was ich im Nachstieg im breiten Riss fabriziere, ist in etwa so weit von Freiklettern entfernt wie die Technoroute des vergangenen Tages, aber ich rede mir ein, es sei einfach nicht mein Stil.
Schließlich stehe ich auf dem Klemmblock und kann kurz Pause machen. Hier weitet sich der Riss zum Kamin, durch dessen Wand ein Handriss läuft, sodass das Klettern richtig Spaß macht und auch gut abgesichert werden kann. Für die erste Seillänge (35 m) haben wir bereits 1,5 Stunden gebraucht, geschätzt 6a, aber in sehr undankbarem Stil, wenn man so etwas nicht so oft macht.
Eine Entscheidung muss getroffen werden
Nun bieten sich zwei Optionen für den Weiterweg, ohne dass uns Haken den Weg weisen: Links eine große Rissverschneidung und rechts eine etwas filigran anmutende Schuppe. Vom Wandfuß aus hatten wir bereits gesehen, dass die Schuppe nach oben immer schwächer ausgeprägt wird, und da nicht klar ist, ob das obere Ende kletterbar ist, scheint uns die Verschneidung die logischere und direktere Option.
Dann bin ich wohl an der Reihe mit Vorsteigen. Ich hänge mir die großen Friends an den Gurt und laufe über das Band zur Verschneidung hin. Die linke Wandseite hängt über und ist äußerst abdrängend, richtige Tritte gibt es sowieso keine und der Riss ist bereits hier so groß, dass der 5er Friend passt. Nach zwei Blicken weiß ich, dass ich das nicht vorsteigen kann und kehre zum Stand zurück, damit Ole sein Glück versucht. Und tatsächlich schafft er es auf Anhieb, den Einstieg frei zu klettern und ruft danach runter, dass das die coolste Route sei, in die er seit langem eingestiegen sei.
Erst gemütlicher, dann wieder mulmig

Herausfordernde Kletterei mit nur einer Zwischensicherung: Es ist nicht ungefährlich, was Ole da macht.
Danach lehnt die linke Wandseite sich etwas zurück und die Kletterei wird entsprechend gemütlicher. Inzwischen passt allerdings nur noch der 6er Friend, den Ole mitschiebt, während er klettert – die einzige Zwischensicherung bisher.
Mir wird allmählich etwas mulmig zumute. Sollte der Friend nicht halten oder Ole abrutschen, während er ihn verschiebt, hätte ein Sturz mit Sicherheit fatale Folgen. Als schließlich der Flechtenbewuchs an der rechten Wandseite überhand nimmt, beschließt er, zum Stand zurückzukehren und arbeitet sich und den Friend Stück für Stück die Wand wieder runter, bis er sicher auf dem Band steht. Wir fragen uns, ob die Verschneidung überhaupt schon mal (frei) geklettert wurde und wenden uns der Schuppe zu.
Ist die Schuppe doch die bessere Wahl?
Es ist direkt klar, dass sie wesentlich leichter zu klettern ist und so wärme ich mich auf und fange an, vorzusteigen. Als Mischung aus Hangelschuppe und Handriss lassen sich die ersten Meter gut klettern und passabel absichern, zu nah am Rand sollte man die Friends jedoch nicht legen. An der ersten etwas schwierigeren Stelle stelle ich fest, dass ich heute nicht den Kopf dafür habe, lege zwei gute Friends und lasse mich daran zum Stand ab, sodass Ole wieder ran muss. Immerhin wurde mir durch die Aktion etwas wärmer, die Luft ist immer noch saukalt und zwischendurch fallen sogar ein paar Schneeflocken.
Ole klettert die Schuppe souverän, bis ihm die mittleren Friends ausgehen. Wiederholer sollten 0.5er bis 1er Friends in dreifacher Ausführung dabei haben.
Ole lässt sich an einem schlechten Friend und akzeptablen Keil zu Beginn der Seillänge ab, sammelt die dort gelegten Placements ein und kann damit die Seillänge beenden. Die letzten Meter sind eine coole Plattenstelle, auf der man leicht abklettert, um nach links zu queren. Generell macht die Länge richtig Spaß. Am Stand befindet sich ein Bohrhaken, der sich gut mit Keilen ergänzen lässt (ca. 2 Stunden, 35 Meter, 6a+).
Wir überlegen, hier abzubrechen und abzuseilen. Da die nächste Länge jedoch sehr leicht ist, beschließen wir, weiter zu machen und am nächsten Stand nochmal zu evaluieren.
Damit wir von hier zurück in unsere ursprüngliche Linie kommen, fangen wir die folgende Seillänge mit einem kleinen Pendelquergang an, um daraufhin in nicht ganz zuverlässigem Fels einem schmalen Band nach links zu folgen. Immerhin diesmal muss ich meinen Vorstieg nicht abbrechen und bin bald am nächsten Standhaken, am Anfang eines Körperrisses. Um den Stand sinnvoll zu ergänzen, braucht man eigentlich den 6er Friend, den ich nicht am Gurt habe und den ohnehin der Vorsteiger der nächsten Länge besser gebrauchen kann.

Durch den Riss arbeitet sich Ole nach oben. Foto: T. Leib
So benötige ich recht lange, bis ich es schaffe, den Stand zu ergänzen und Ole nachhole (ca. 30 Minuten, 20 Meter, 4b).
Die nächste Seillänger ist leichter, aber brüchig
Der folgende Riss sieht trotz der Breite etwas bequemer zum Klettern aus, nicht zuletzt da die Wand hier nicht so steil ist. In der Mitte gibt es sogar mal wieder einen Zwischenhaken. Ole steigt vor und schiebt den 6er Friend vor sich her. Ihm bricht ein großer Griff aus, was merkbar an seiner Motivation für das Abenteuer kratzt. Mit einer Mischung aus Körperriss und Piazen schaffen wir es zum oberen Ende des Risses, wo wieder ein einzelner Standhaken wartet (ca. 45 Minuten, 25 Meter, 5c).
Es gibt kein offensichtliches Feature, das weiter Richtung Gipfel leitet, und da wir inzwischen komplett durchgefroren und mental erschöpft sind, beschließen wir, hier abzubrechen. Wir seilen einmal 25 Meter zum letzten Stand ab und schaffen es von dort mit weiteren 55 Meter zurück zum Wandfuß. Beide Male gibt es nur einen Bohrhaken.
Fazit: Abenteuer pur
Als Fazit bleibt zu sagen, dass sowohl die Kletterei als auch der Abenteuercharakter genau das waren, was wir gesucht hatten. Vielleicht rücken wir nächstes Jahr nochmal mit Drahtbürste und zweitem 6er Friend an, um die Linie zuerst zu putzen (lose Steine gibt es auch einige wegzuräumen) und die zweite Länge entlang der Verschneidung frei zu klettern.

Das von den beiden Abenteurern gezeichnete Topo der Tour. Foto: O. Lück
Wer die Route erstbegangen hat und in welcher Linie genau, wissen wir nicht. Es ist auf jeden Fall ein Bohrhaken pro Stand vorhanden sowie insgesamt vier Zwischenhaken.
An Material hatten wir dabei: 60 Meter Einfachseil, Reepschnur, Friends 0.2 bis 6, zweimal 0.5 bis 3 sowie Keile.
Wiederholer sollten mitnehmen: 60 Meter Halbseile oder 60 Meter Einfachseil, Reepschnur, Friends 0.4 bis 6, zweimal 2, 3, 5, 6 sowie dreimal 0.5 bis 1 und Keile
Bericht allgemein: Ole Lück und Jonas Lippl
Tourenbericht: Thomas Leib
Fotos: Thomas Leib, Ole Lück









