Nach der über zweijährigen Pause wegen Corona konnte nun endlich wieder mal eine Forschungsfahrt in die Spannagelhöhle durchgeführt werden.

Mit negativem Coronatest und 2G startete die fünfköpfige Forschungsgruppe ins Zillertal zur Tour in die Spannagelhöhle. Drei Frauen und zwei Männer, alles erfahrene Höhlenforscher. Die Höhle befindet sich unter dem Zillertaler Gletscher auf 2.500 Meter Höhe und ist eine der größten Marmorhöhlen der Welt und ein Naturdenkmal. Die Befahrung ist nur für Höhlenforscher vom Landesverein für Höhlen- und Karstforschung in Tirol möglich. Interessierte können sich aber über die Internetseite der Spannagelhöhle melden und eine Trekking-Tour gegen Gebühr in die Spannagelhöhle buchen. Es gibt drei verschiedene Touren in unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden.

Biwak bei 1 Grad

Am Freitag kurz nach 12:00 gings mit dem Skilift von Hintertux zum Tuxer-Fernerhaus. Von dort mußten wir zum neuen Spannagelhaus auf der Skipiste absteigen. Leider wurde das alte Spannagelhaus 2013 abgerissen und durch einen Neubau ohne Übernachtungsmöglichkeit ersetzt. Für uns heißt das, dass wir nach der Tour nicht in der Hütte gemütlich zu Abend essen und im Lager schlafen können, sondern dass wir in der Höhle bei 1 Grad und 95% Luftfeuchtigkeit ein Biwak aufschlagen müssen, um die Nacht zu verbringen.

Nachdem wir den Höhlenschlüssel organisiert hatten, gings mit vollem Gepäck bis zum Platz vor der Hängebrücke im Schauhöhlenteil. Dort wollten wir auf einem kleinen relativ ebenen Platz nach der Tour nächtigen.

Kurze Zeit später starteten wir die Tour in die Höhle. Ziel war diesmal das tiefste Ende der Höhle beim Bauchbad im Alten Teil. Das ist eine Strecke von einigen Kilometern und einem Höhenunterschied von 325 Metern. Nach Verlassen des Schauhöhlenteils begann die ausgebaute und gut gesicherte Kletterstrecke der Trekkingroute. Ähnlich einem Klettersteig mit Tritteisen und Halteseilen ging es abwärts in die Tiefe. Die Sicherungen werden vom Tiroler Höhlenverein sehr gut Instand gehalten. Das Highlight der Trekkingroute ist immer noch der ÖTK-Schacht, an dem vom oberen Eingang ein Wasserfall ca. 30 Meter in die Tiefe donnert. Neben dem Wasserfall führt eine Stahlleiter gesichert 25 Meter in die Tiefe. Am Schachtgrund ist der 90-Grad-Knick des Bändermarmors zu bewundern. Dort und im nächsten Raum, der Hermann Gaun Halle, sind spezielle Formen des Marmors zu sehen. An den Wänden fliest Wasser über strukturierten Bändermarmor und diversen Felsauswaschungen. An Seitenausbuchtungen sind Excentriques zu finden, weiße filigrane Strukturen, die Formen wie Wurzeln und Tannenbäume haben.

Unentdeckte Hallen

Nachdem wir die Spreizklamm überstiegen hatten kamen wir zum „alten“ Biwakplatz. Dieser wurde zu Zeiten genutzt, als es in der Höhle noch keine ausgebaute Trekkingroute gab. Wie uns Höhlenforscher vom Verein erzählten, dauerte die Tour bis zu diesem Platz mit Gepäck um die acht Stunden. Mit dem Ausbau kann das nun leicht in ein Stunde bewältigt werden.

Über einige Seilquerungen gehts von da weiter in die Tiefe bis zum Abzweig zum Frankenland. Dort hatten wir vor über 10 Jahren noch unentdeckte Hallen und Räume mit einer Gesamtlänge von 1,4 Kilometer gefunden und vermessen.

Der schönste Raum der Höhle

Nach einer kurzen Pause mit heißem Tee deponierten wir unsere Schlafsäcke und nahmen nur das Notwendigste wie Ersatzlicht und Erste-Hilfe-Set mit. Nach einiger Zeit kamen wir zu einem der schönsten Räume der Höhle, der Märchenwelt. Hier sind über viele Meter an Decken und Wänden kristallweiße Sinterstrukturen vorhanden. Nach dem Ende der Märchenwelt kam auch das Ende der „Ausbaustrecke“. Ab hier waren nur die krassesten Kletterstellen mit Leitern und Tritten gesichert, die restliche Stecke musste mit eigener Kraft und Technik überwunden werden. Nach drei Stunden reiner Kletterzeit kamen wir beim Bauchbad an. An dieser Stelle verschwindet ein Höhlenbach im Sediment unter einer Felswand und bildet einen größeren Siphon. Es gab bereits etliche Versuche, diesen Siphon auszugraben, aber bisher ohne Erfolg. Meist hat es nach einigen Tagen wieder so ausgesehen als ob nie ein Mensch versucht hätte, hinter den Siphon zu kommen. In einer Nebenkammer fanden wir eine Inschrift von 1990 mit den tätigen Forschern.

Eine ungemütliche Nacht

Nach einer längeren Pause begannen wir mit dem Rückweg. Einige Stunden später kamen wir wieder beim Schauhöhlenteil an.

Hier wurden nun auf kleinstem Raum zwei Expeditionszelte nebeneinander aufgestellt. In zwei Nischen, die relativ trocken waren, konnten es sich zwei andere Forscher in ihren Biwaksäcken „gemütlich“ machen. Mit nassen Unterschlazen und nassen Füssen gings dann nach einem kurzen Mitternachtsessen in die Zelte zum Schlafen. Jeder hatte das Gefühl, kaum geschlafen zu haben. Auf unser Zelt tropfte einmal pro Sekunde Wasser und unter dem Zelt floss ein kleines Rinnsal. Gemütlich ist was anderes.

Proben für die Forschung

Bei der Tour wurden an mehreren Stellen Wasserproben genommen. Dies war ein Ziel der ersten Tour, um festzustellen wie die Wasserqualität ist und ob sich Schwermetalle in dem Wasser befinden.

Nach der kurzen Nacht traten wir am nächsten Tag den Rückzug an. Die Stille der unterirdischen Tropfsteinwelt wurde durch den Lärm und Trubel von Menschenmassen beim Tuxerhaus abgelöst, die, als ob es kein Corona gäbe, sich mit Skifahren und Party die Zeit vertrieben.